Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

1. Kapitel: Bischof Martins irdisches Ende und seine Ankunft im Jenseits.

Originaltext 1. Auflage 1896 durch Project True-blue Jakob Lorber

Text u. Versnummerierung nach 3. Auflage 1960 Lorber-Verlag

01] Ein Bischof, der auf seine Würde große Stücke hielt, und ebensoviel auf seine Satzungen, ward denn einmal zum letztenmale krank,

02] er, der selbst als noch ein untergebener Presbyter (röm. Geistl.) des Himmels Freuden mit den wunderlichsten Farben ausmalte, er, der sich gar oftmals völlig erschöpfte in der Darstellung der Wonne und Seligkeit im Reiche der Engel, aber daneben freilich wohl auch die Hölle, und das leidige Fegfeuer nicht vergaß, hatte nun - als selbst schon ein beinahe achtzigjähriger Greis - noch immer keinen Wunsch, von diesem seinem so oft gepriesenen Himmel Besitz zu nehmen, - ihm wären noch tausend Jahre Erdenleben lieber gewesen, als ein zukünftiger Himmel mit all seinen Wonnen und Seligkeiten.

03] Daher denn unser erkrankter Episkopus auch Alles anwandte, um nur wieder irdisch gesund zu werden. Die besten Aerzte mußten stets um ihn sein; in allen Kirchen seiner Diözese mußten Kraftmessen gelesen werden, und alle seine Schafe wurden aufgefordert, für seine Erhaltung zu beten, und an seiner Statt fromme Gelübde gegen Gewinnung eines vollkommenen Ablasses zu machen und auch zu halten. In seinem Krankenlager-Gemach ward ein Altar aufgerichtet, bei dem Vormittags drei Messen zur Wiedergewinnung der Gesundheit mußten gelesen werden; Nachmittags aber mußten - bei stets ausgesetztem „Sanctissimum" - die drei frömmsten Mönche in Einem fort das Breviarium beten;

04] er selbst rief zu öftern Malen aus: „O HErr, erbarme Dich meiner! Heilige Maria, du liebe Mutter, hilf mir, erbarme dich meiner fürstbischöflichen Würden und Gnaden, die ich trage zu deiner Ehre und zur Ehre deines Sohnes. O verlasse deinen getreuen Diener nicht, du alleinige Helferin aus jeglicher Noth, du einzige Stütze aller Leidenden!" -

05] Aber es half Alles nichts; unser Mann verfiel in einen recht tiefen Schlaf, aus dem er diesseits nicht mehr erwachte.

06] Was hier mit einem Leichnam eines Bischofs alles für hochwichtige Zeremonien geschehen - das wisset ihr, und wir brauchen uns darum dabei nicht länger aufzuhalten; dafür wollen wir sogleich in der Geisterwelt uns umsehen und schauen, was unser Mann dort beginnen wird.

07] Sehet, da sind wir schon, und sehet, da liegt auch unser Mann auf seinem Lager; denn solange noch eine Wärme im Herzen ist, löst der Engel die Seele nicht vom Leibe; denn diese Wärme ist der Nervengeist, der zuvor von der Seele ganz aufgenommen werden muß, bis die volle Löse von Seite des Engels vorgenommen werden kann; denn Alles geht da den ordnungsmäßigen Gang.

08] Aber nun hat dieses Mannes Seele schon völlig den Nervengeist in sich aufgenommen, und der Engel löset sie soeben vom Leibe mit den Worten: „Epheta!" d. h. „thue dich auf, du Seele; und du Staub aber sinke zurück in deine Verwesung, und zur Löse durch das Reich der Würmer, und des Moders durch sie. Amen!"

09] Nun sehet, schon erhebt sich unser Bischof ganz, wie er gelebt hatte, in seinem vollen Bischofsornate, und öffnet die Augen und schaut erstaunt um sich und sieht außer sich Niemanden, auch den Engel nicht, der ihn geweckt hat. Die Gegend ist nur in sehr mattem Lichte, gleich dem einer schon ziemlich späten Abenddämmerung, und der Boden gleich dürrem Alpenmoose.

10] Unser Mann erstaunt nicht wenig über diese sonderbare Beschauung, und spricht nun mit sich: „Was ist denn das? Wo bin ich denn? Lebe ich noch, oder bin ich gestorben? Denn ich war wohl sehr stark krank, und es kann sehr leicht möglich sein, daß ich mich nun schon unter den Abgeschiedenen befinde! Ja, ja, um Gotteswillen, es wird schon so sein. O heilige Maria, heiliger Joseph, heilige Anna, ihr meine drei mächtigsten Stützen, kommet, kommet und helfet mir in das Reich der Himmel."

11] Er harret nun eine Zeitlang, sorglich um sich spähend, von welcher Seite die Drei kommen würden; aber sie kamen nicht.

12] Er wiederholt den Ruf kräftiger und harret; aber es kommt noch Niemand!

13] Noch kräftiger wird der Ruf zum dritten Male wiederholt, aber auch zum dritten Male vergeblich!

14] Darob wird unserem Manne überaus bange, und er fängt an, etwas zu verzweifeln, und spricht in seiner stets mehr verzweifelten Lage: „O, um Gotteswillen, HErr, steh mir bei! (Das ist aber nur sein angewöhntes Sprichwort.) Was ist denn das? Dreimal hab ich gerufen und umsonst!

15] Bin ich denn verdammt? - Das kann nicht sein, denn ich sehe kein Feuer und keine „Gottstehunsbei!"


16] Hahahaaaaa (zitternd), es ist wahrhaft schrecklich! - So allein! o Gott, wenn jetzt so ein Gottstehunsbei herkäme, und ich - keinen Weihbronn - dreimal consecrirt - kein Crucifix, was werde ich thun?!

17] Und auf einen Bischof soll Gottstehunsbei eine ganz besondere Passion haben?! - Oh, oh, oh, ooooh (bebend vor Angst), das ist nun ja eine ganz verzweifelte Geschichte! Ich glaube gar, es stellt sich bei mir schon 's Heulen und Zähneklappern ein?!

18] Ich werde dies mein Bischofsgewand ablegen, da wird „Gottstehunsbei" mich nicht erkennen! Aber dann hätte der Gottstehunsbei vielleicht noch mehr Gewalt über unser Einen? O weh, o weh, was ist der Tod doch für ein schrecklich Ding.

19] Ja, wenn ich nur recht ganz todt wäre, da hätte ich auch keine Furcht; aber eben dieses Lebendigsein nach dem Tode, das ist - das - o Gott steh uns bei!

20] Was etwa geschehen würde, so ich mich weiter begäbe? - Nein, nein, ich bleibe; denn was hier ist, das weiß ich nun aus der kurzen Erfahrung, was aber nur ein räthselhafter Tritt weiter, vor- oder rückwärts, für Folgen hätte, das wird Gott allein wissen! Daher will ich in Gottes Namen, und im Namen der seligsten Jungfrau Maria lieber auf den jüngsten Tag hier verharren, als nur um ein Haar breit vor- oder rückwärts mich bewegen."

01] Ein Bischof, der auf seine Würde große Stücke hielt und ebensoviel auf seine Satzungen, ward zum letzten Male krank.

02] Er, der selbst noch als ein untergebener Priester des Himmels Freuden mit den wunderlichsten Farben ausmalte - er, der sich gar oft völlig erschöpfte in der Darstellung der Wonne und Seligkeit im Reiche der Engel, daneben aber freilich auch die Hölle und das leidige Fegefeuer nicht vergaß, hatte nun - als selbst schon beinahe achtzigjähriger Greis - noch immer keinen Wunsch, von seinem oft gepriesenen Himmel Besitz zu nehmen; ihm wären noch tausend Jahre Erdenleben lieber gewesen als ein zukünftiger Himmel mit allen seinen Wonnen und Seligkeiten.

03] Daher denn unser erkrankter Bischof auch alles anwandte, um nur wieder irdisch gesund zu werden. Die besten Ärzte mußten stets um ihn sein; in allen Kirchen seiner Diözese mußten Kraftmessen gelesen werden; alle seine Schafe wurden aufgefordert, für seine Erhaltung zu beten und für ihn fromme Gelübde gegen Gewinnung eines vollkommenen Ablasses zu machen und auch zu halten. In seinem Krankengemach ward ein Altar aufgerichtet, bei dem vormittags drei Messen zur Wiedergewinnung der Gesundheit mußten gelesen werden; nachmittags aber mußten bei stets ausgesetztem Sanktissimum (Allerheiligstem) die drei frömmsten Mönche in einem fort das Breviarium (Pflichtgebete kath. Geistlicher) beten.

04] Er selbst rief zu öfteren Malen aus: »O Herr, erbarme Dich meiner! Heilige Maria, du liebe Mutter, hilf mir, erbarme dich meiner fürstbischöflichen Würden und Gnaden, die ich trage zu deiner Ehre und zur Ehre deines Sohnes! O verlasse deinen getreuesten Diener nicht, du alleinige Helferin aus jeder Not, du einzige Stütze aller Leidenden!«

05] Aber es half alles nichts ; unser Mann verfiel in einen recht tiefen Schlaf, aus dem er diesseits nicht mehr erwachte.

06] Was auf Erden mit dem Leichnam eines Bischofs alles für 'hochwichtige' Zeremonien geschehen, das wisset ihr, und wir brauchen uns dabei nicht länger aufzuhalten; dafür wollen wir sogleich in der Geisterwelt uns umsehen, was unser Mann dort beginnen wird!

07] Seht, da sind wir schon - und seht, da liegt auch noch unser Mann auf seinem Lager; denn solange noch eine Wärme im Herzen ist, löst der Engel die Seele nicht vom Leibe. Diese Wärme ist der Nervengeist, der zuvor von der Seele ganz aufgenommen werden muß, bis die volle Löse vorgenommen werden kann.


08] Aber nun hat dieses Mannes Seele schon völlig den Nervengeist in sich aufgenommen, und der Engel löst sie soeben vom Leibe mit den Worten: 'Epheta', d. h. 'Tue dich auf, du Seele; du Staub aber sinke zurück in deine Verwesung zur Löse durch das Reich der Würmer und des Moders. Amen.'

09] Nun seht, schon erhebt sich unser Bischof, ganz wie er gelebt hatte, in seinem vollen Bischofsornate und öffnet die Augen. Er schaut erstaunt um sich und sieht außer sich niemanden, auch den Engel nicht, der ihn geweckt hat. Die Gegend ist nur in sehr mattem Lichte gleich einer ziemlich späten Abenddämmerung, und der Boden gleicht dürrem Alpenmoose.

10] Unser Mann erstaunt nicht wenig über diese sonderbare Beschauung und spricht nun zu sich: »Was ist denn das? Wo bin ich denn? Lebe ich noch oder bin ich gestorben? Denn ich war wohl sehr krank und es kann leicht möglich sein, daß ich mich nun schon unter den Abgeschiedenen befinde! - Ja, ja, um Gotteswillen, es wird schon so sein! - O heilige Maria, heiliger Joseph, heilige Anna, ihr meine drei mächtigsten Stützen: kommet und helft mir in das Reich der Himmel!«

11] Er harrt eine Zeitlang, sorglich um sich spähend, von welcher Seite die drei kommen würden; aber sie kommen nicht.

12] Er wiederholt den Ruf kräftiger und harrt; aber es kommt immer noch niemand!

13] Noch kräftiger wird derselbe Ruf zum drittenmal wiederholt, - aber auch diesmal vergeblich!

14] Darob wird unserem Manne überaus bange. Er fängt an, etwas zu verzweifeln und spricht in seiner stets verzweifelter werdenden Lage: »Oh, um Gotteswillen, Herr, steh mir bei! (Das ist aber nur sein angewöhntes Sprichwort.) - Was ist denn das? Dreimal habe ich gerufen, - und umsonst!

15] Bin ich denn verdammt? Das kann nicht sein, denn ich sehe kein Feuer und keine Gott-steh-uns-bei! (Teufel)

16] Hahahaaaaa (zitternd) - es ist wahrhaft schrecklich! - So allein! O Gott, wenn jetzt so ein Gott-steh-uns-bei herkäme, und ich - keinen Weihbrunn, dreimal konsekriert (geweiht), kein Kruzifix, - was werde ich tun?!

17] Und auf einen Bischof soll der Gott-steh-uns-bei eine ganz besondere Passion haben! - Oh, oh, oh (bebend vor Angst), das ist ja eine ganz verzweifelte Geschichte! Ich glaube gar, es stellt sich bei mir schon Heulen und Zähneklappern ein?

18] Ich werde mein Bischofsgewand ablegen, da wird Gott-steh-uns-bei mich nicht erkennen! Aber damit hätte Gott-steh-uns-bei vielleicht noch mehr Gewalt über unsereinen? ! - O weh, o weh, was ist der Tod doch für ein schreckliches Ding !

19] Ja, wenn ich nur ganz tot wäre, da hätte ich auch keine Furcht; aber eben dieses Lebendigsein nach dem Tode, das ist es ! O Gott, steh mir bei!

20] Was etwa geschähe, so ich mich weiterbegäbe? Nein, nein, ich bleibe! Denn was hier ist, das weiß ich nun aus der kurzen Erfahrung; welche Folgen aber nur ein rätselhafter Tritt weiter vor- oder rückwärts hätte, das wird allein Gott wissen! Daher will ich in Gottes Namen und im Namen der seligsten Jungfrau Maria lieber bis auf den Jüngsten Tag hier verharren, als mich nur um ein Haarbreit vor- oder rückwärts bewegen!"

Home  |    Inhaltsverzeichnis  |   Werke Lorbers